Ist Selbstliebe egoistisch?

Selbstliebe ist wichtig, aber die Nächstenliebe auch

„Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst!“ Dieses Zitat zeigte bereits in der Bibel, dass Selbstliebe eine wichtige Voraussetzung für die Nächstenliebe ist. Doch wie weit darf diese Selbstliebe gehen? Wann wird Selbstliebe zum Egoismus? Hier einige Fragen, die ich im Netz immer wieder lese und die auch in Gesprächen mit anderen Menschen immer wieder auftauchen:

  • Darf ich „nein“ sagen?
  • Darf ich Grenzen setzen?
  • Darf ich es mir rausnehmen, mir Zeit nur für mich alleine zu gönnen?
  • Darf ich jemandem einen Wunsch abschlagen?
  • Darf ich meine Werte authentisch leben?

JA!!! Das darfst Du und ich finde das in keinster Weise egoistisch! Warum nicht? Ganz einfach…weil jeder von uns nur bis zu einem gewissen Grad belastbar ist, weil jeder von uns andere Interessen hat, weil jeder von uns unterschiedlich viel Nähe oder Distanz braucht und weil es für das eigene persönliche Glück wichtig ist, den eigenen Weg zu finden und zu gehen. Selbstliebe darf für mich aber nicht so weit gehen, dass man nur noch mit sich selbst beschäftigt ist und die Signale und Bedürfnisse Anderer nicht mehr wahrnimmt, dann wird sie für mich egoistisch.

Wo ist die Grenze zwischen Selbstliebe und Egoismus?

Ich glaube, dass es DIE klare Grenze nicht gibt, weil dieses Thema von vielen Menschen ganz unterschiedlich betrachtet wird. Ich bin zutiefst davon überzeugt, dass man sich selbst grundsätzlich der wichtigste Mensch sein sollte. Es gibt aber auch Situationen, in denen Selbslosigkeit gefordert wird, z. B. bei Notfällen oder wenn es um Menschenleben geht. Manche Menschen finden es auch schon egoistisch, wenn man „nein“ zu etwas sagt und seine eigenen Bedürfnisse äußert.

Für mich ist es wichtig, authentisch zu sein und sich so zu geben, wie man ist und wie man sich fühlt. Wenn ich z. B. heute schlecht drauf bin, weil gerade ein guter Freund von mir gestorben ist, dann möchte ich nicht unbedingt eine Karnevalsveranstaltung besuchen, weil mir einfach nicht danach ist. Dabei geht es dann darum, mich selbst auf eine gewisse Art und Weise zu schützen und mir die nötige Ruhe zu gönnen, die in einer solchen Situation notwendig ist.

Gibt es auch Tage, an denen man sich mal nicht selbst lieben darf?

Ja, die gibt es! Jemanden zu lieben, heißt nicht unbedingt, alles an demjenigen gut zu finden. Auch am Lebenspartner oder der guten Freundin findet man nicht immer jedes Verhalten gut. Jemanden zu lieben heißt nicht automatisch, alles zu akzeptieren. Genau das gilt auch für die Selbstliebe. Also ich stehe zumindest dazu, dass es Tage gibt, an denen ich mit mir selbst absolut nichts anfangen kann, weil ich einfach total bocklos bin und auf nichts Lust habe. Meine Selbstliebe sieht dann so aus, dass ich das total menschlich finde und mich einfach vom Tag überraschen lasse. Auch gammeln ist mal erlaubt und ich gestehe es mir zu, auch einmal nichts zu tun.

Ich finde es nicht gut, Selbstliebe so zu definieren, dass man immer alles an sich selbst mögen muss und dass jeder Tag gleich toll sein muss. Diese Definition macht nur unnötig Druck und verleitet zu der Meinung, dass wir immer alles im Griff haben sollen und für jede Situation sofort eine Lösung parat haben. Das Leben ist allerdings so komplex und bietet so viele Herausforderungen, dass dies nicht möglich ist. Es ist erlaubt, dass wir uns auch mal ohnmächtig, verletzt und hilflos fühlen und dass einfach mal alles scheiße ist. Wichtig für die Selbstliebe finde ich in diesen Situationen, dass wir versuchen, diese Gefühle im eigenen Tempo anzunehmen! Sie dürfen da sein und sie haben ihre Berechtigung, auch wenn sie uns für eine Weile lahmlegen und wenn es uns mal schlecht geht.

Selbstliebe braucht Zeit!

Die Liebe zu sich selbst entsteht nicht von heute auf morgen. Sie muss reifen und sie erfordert Geduld. Um sich selbst lieben zu können, müssen wir permanent an uns selbst arbeiten, uns beobachten, unsere Gefühle annehmen lernen, in uns hineinhören, achtsam sein. Klingt anstrengend? Ist es am Anfang auch! Die Arbeit an sich selbst ist kein Geschenk, aber es ist ein Geschenk, wenn Du Dich dadurch selbst findet. Sich selbst zu finden, bedeutet für mich pures Glück! Und dieses Glück kannst Du Dir erarbeiten, wenn Du gut auf Dich selbst achtest.